Städtische Kontinuität / gehört, Das Ö1 Magazin

Städte bestehen nicht nur aus Gebäuden und Straßen, sondern auch aus vielen weniger materiellen Dingen wie Vertrauen und der Kontinuität - aus der Kontinuität der Generationen.

In meiner Geburtsstadt Moskau ist dieser ununterbrochene Zusammenhang auf Schritt und Tritt sichtbar: In ehemals sowjetischen Häuser wohnen und arbeiten die Kinder von sowjetischen Eltern, die allerdings ebenso sowjetisch sind.

An der Uni in Moskau träumten meine Freunde und ich von einer Zukunft, in der das Ausbildungssystem und Staatswesen - sowohl räumlich als auch zeitlich - nicht von deplatzierten Professoren und Politikern bestimmt werden, sondern von uns, den neuen Menschen. Wir wissen und können es besser, dachten wir. Es ist nur noch eine Frage der Zeit: Wenn sie alle nicht mehr sein werden, dann beginnt eine fairere, gerechtere Ära. Wir irrten uns gewaltig! Denn sie sterben nie - sie leben in uns weiter.

Zugegeben, manche sind gegen diesen alten Geist eher immun als andere (ich hoffe, ich bin einer von denen), aber im Großen und Ganzen leben die von der Sowjetzeit geerbte hochgradige Engstirnigkeit und die schlechte Führung frisch und munter weiter. Eine Bekannte, die mit mir studierte und unseren Lehrern ebenso kritisch gegenüberstand, ist nun selbst eine von ihnen geworden, mit derselben routinemäßigen Intoleranz, derselben intellektuellen Arroganz, und sogar mit einer identischen Stimme, die eine offene Debatte verweigert.

Nun lebe ich in Wien und merke: Hier herrscht eine ähnliche Generationenkohärenz. Aus der in Russland geborenen Gewohnheit versuche ich auch hier, den Kontakt mit dem Beamtentum so gering wie möglich zu halten. Aber weil ich Journalist und noch dazu Migrant bin, gelingt mir das so gut wie nie. Ganz im Gegenteil: In meinen fast fünf Jahren in Wien habe ich so viele Beamte getroffen wie in meinem gesamten vorherigen Leben in Moskau. Ich glaube, ich kann mir erlauben zu sagen, dass die Bürokratie in Österreich noch viel präsenter ist - und viel “analoger”. Wenn du etwas von Beamten brauchst, musst du ihnen persönlich gegenüberstehen. Per Email oder Telefon kommst du nicht weit.

Alt oder jung, die Beamten Wiens sind meinem Gefühl nach eine außergewöhnlich emotionale, politische und gewerkschaftliche Einheit. Kein Wunder: Wenn man hier zum Beamten wird, wenn einem dann einfällt, mit wie viel Macht man ausgestattet ist, dann klingen alle persönlichen Besonderheiten ab. Auch wenn das übertrieben klingen mag: man ist als Beamter eine Art Gott, der allein die Verantwortung hat - über die Seele, die Gedanken und das Schicksal der Menschen.

Ich zittere jedes Mal, wenn ich in eine Magistratsabteilung muss – etwa um mein Visum zu verlängern, selbst wenn ich weiß, das alles in Ordnung ist. Denn ich weiß auch, dass es etwas gibt, das sie verbindet, die Damen und Herren Beamten hinter den Schreibtischen: einen unsichtbaren Instinkt, der von ihnen verlangt, es dem Bürger nicht einfach zu machen.

Das ist für mich eine der Wiener Konstanten - vielleicht die wichtigste. Sie ist stärker als all dieses vielfach belastende imperiale Erbe, über das ich als Korrespondent so viel schreibe und spreche. Politik - und es besteht kein Zweifel daran, dass Beamte der Inbegriff der Politik sind - handelt schließlich vom Leben in einer Stadt, der Polis.

In diesem Sinne sind Moskau und Wien, meine zwei Hauptwohnsitze (ein Wort direkt aus einem Magistratsformular) ganz ähnlich. Aber das erleichtert mir das Leben kaum.